Schattenpoesie - Fallen Psychothriller von Robin Pilger
Wer schreibt dein Schicksal?
Jenny versucht, nach einer traumatischen Beziehung die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Als jemand beginnt, verstörende Texte über sie zu verfassen, kehrt die Angst mit voller Wucht zurück. Der Unbekannte schreibt über Dinge, die niemand wissen kann – und kommt ihr immer näher.
Parallel dazu plant Jan seinen Ausstieg aus dem kriminellen Milieu. Doch der letzte Deal eskaliert.
Als sich ihre Wege kreuzen, erkennen beide zu spät, worauf sie sich eingelassen haben. Es gibt kein Zurück mehr. Denn jemand beobachtet sie nicht nur – er schreibt bereits, wie es endet ...
Ein beklemmender Psychothriller über Besessenheit und die Frage: Wer hat das letzte Wort, wenn die eigene Vergangenheit dich einholt?
- Die Musik zum Buch
Ein exklusives chaptune Musikalbum begleitet dich durch jede Seite. Den Zugangscode findest du in deiner Print- oder E-Book-Ausgabe. Kostprobe gefällig?
Jetzt reinhörenNeugierig, wie es weitergeht?
Dann hole dir das Buch beim (Online-) Buchhändler deines Vertrauens!
ShopShop
Dieser Titel ist noch nicht erschienen.
Leseprobe
Akkustand 3%.
Prof. Dr. Förster lief eine Schweißperle über die Stirn. Er legte sein Smartphone auf den Esstisch, ohne darauf zu sehen. Irgendwie schien es heute schwerer als sonst, aber das lag wohl daran, dass er sich schon seit ein paar Stunden etwas schwach fühlte. Mit zunehmendem Alter bekam der vor neun Jahren in den Ruhestand getretene Mediziner immer häufiger Schwierigkeiten mit dem Kreislauf bei so schwülem Wetter wie an diesem Augusttag. Trotzdem kam es ihm so vor, als würde er auch noch krank werden. Aber doch anders. Er fühlte sich auf eine Weise unwohl, die er nicht einordnen konnte.
Von seinem Standpunkt aus konnte er in sein Arbeitszimmer und auf den darin befindlichen Massivholzschreibtisch sehen. Darüber hingen diverse Urkunden und Zeugnisse aus seiner beruflichen Laufbahn. In letzter Zeit benutzte er sein Büro nur noch selten für seinen eigentlichen Zweck. Meistens setzte sich Rainer Förster in den etwas in die Jahre gekommenen, dunkelbraunen Polstersessel neben dem großen Fenster am Ende des Raumes, um darin abends ein Glas Scotch zu trinken.
Aufgrund seiner schwächer werdenden Augen war die Habilitationsurkunde das einzige Dokument, dessen Schriftzug er von hier aus noch entziffern konnte. Rainer Förster musste aufstoßen. Ein leichtes Ziehen im Brustbereich löschte die zarte Flamme der Nostalgie, die beim Blick auf seine Zertifikate gerade erst aufgeflackert war.
Akkustand 2%.
Mit einem Glas Wasser in der Hand schleppte sich Rainer Förster träge in sein Schlafzimmer, um sich hinzulegen. Eine Pause würde ihm sicher guttun, dachte er. Er stellte das Glas auf dem Nachttisch ab. Tatsächlich hatte er den Eindruck, etwas besser atmen zu können, als er sich auf die Bettkante setzte. Das King-Size-Bett wirkte umso gewaltiger, seit er im Frühjahr vor zwei Jahren seine Ehefrau Renate nach langem, intensivem und bis zum Ende tapferem Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren hatte. Seitdem hatte er sein Lieblingsbild mit ihr nachts immer neben sich stehen. Es zeigte die beiden Arm in Arm vor den Niagarafällen, die sie gemeinsam vor vierzehn Jahren besucht und sich damit einen Lebenstraum erfüllt hatten. Seine Beine wirkten schwer wie Blei, als er sie auf das Bett hievte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er beobachtet wurde. Oder etwas vergessen zu haben. Oder weglaufen zu müssen. Rainer Förster versuchte, tief in den Bauch einzuatmen.
Es half nicht. Wie ein langsam übertretendes Flussufer nach starken Regenfällen steigerte sich das Unwohlsein allmählich in einen Angstzustand. Mittlerweile stand Dr. Förster kalter Schweiß auf Stirn und Armen. Nicht nur seine Beine fühlten sich jetzt bleiern an. Es kam ihm auch so vor, als ob ihm jemand ein schweres Gewicht auf die Brust gelegt hätte. In diesem Moment wurde ihm klar, was mit ihm los war.
Akkustand 1%.
Rainer Förster riss sich aus dem Bett hoch und saß wieder an der Bettkante. Jedenfalls war das sein Plan. Er konnte nicht mehr unterscheiden, ob seine Bewegung in der Realität oder nur in seiner Wahrnehmung wie in Zeitlupe ablief. Noch in seiner Rotation zog ihm der Schmerz von der Brust hinunter in den linken Arm. Angina Pectoris, ging dem Mediziner der lateinische Fachbegriff durch den Kopf. Das Gefühl der Brustenge war eines der typischsten Anzeichen für einen sich anbahnenden Herzinfarkt.
Aus Angst wurde nun Panik. Immerhin war mit dem einsetzenden Adrenalinschub sämtliche Trägheit verschwunden. In einer ungeschickten Bewegung beim Aufstehen stieß Rainer Förster mit dem Knie gegen seinen Nachttisch, wodurch das direkt an der Kante stehende Glas Wasser hinunterfiel und auf dem Boden zerbrach. Die zusätzliche Gefahr, jetzt auch noch in Scherben zu treten, blendete der Pensionär komplett aus. Er bewegte sich so schnell er konnte zurück ins Wohnzimmer, um auf seinem Smartphone den Notruf zu tätigen. Der Weg dorthin maß vielleicht sieben Meter, doch diese Distanz kam ihm in seinem Zustand unendlich weit vor. Als er den Esstisch erreichte, nahm er sein Mobilgerät in die linke Hand. Noch bevor er auf den Bildschirm des Geräts sah, fiel sein Blick auf die kleine Tätowierung knapp unterhalb seines linken Handgelenks. Sie zeigte ein mittlerweile verblichenes R, an dessen Rücken ein weiteres, gespiegeltes R stand. Renate und Rainer Förster hatten sich dieses Symbol als Partnertattoo während ihrer Flitterwochen auf den Seychellen stechen lassen. Er konnte den Sandstrand wieder vor sich und seine Ehefrau neben sich liegen sehen.
Wellen der Ruhe trafen auf die Küste seiner brennenden Insel. Er lächelte müde. Mittlerweile waren einige Sekunden vergangen, in denen er fast reglos mit dem Smartphone in der Hand in seinem Wohnzimmer stand. Es ist an der Zeit, Renate.