JAX Science Fiction von Alexander Kaltenkind
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Menschmaschine oder Maschinenmensch?
Privatdetektiv Jax Halen hasst seinen Job, seine Stadt und die hochgezüchteten Androiden, die das Straßenbild von H-36 prägen. Doch als er den Auftrag erhält, die verschwundene Elies Parks aufzuspüren, gerät sein zynisches Weltbild ins Wanken. Elies ist kein gewöhnliches Produkt – sie ist der Schlüssel zu einer Wahrheit, die tief in einem tödlichen Testareal verborgen liegt.
In einer Welt, in der Erinnerungen programmiert und Realitäten simuliert werden, muss Jax sich einer alles entscheidenden Frage stellen: Wie viel Mensch steckt in einer Maschine – und wie viel Maschine in ihm selbst?
Packende Science-Fiction trifft auf klassische Detektivarbeit: Ein tiefgründiger Roman über die Suche nach der Wahrheit in einer programmierten Realität.
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Dieses Werk erscheint am 28.05.2026.
Zu einem guten Burger gehört mehr als ein Brötchen. Ohne Patty brauchst du den Burger gar nicht in die Nähe eines Tisches zu bringen. Und ›Patty‹ meinte in Jimmy’s Burger Farm natürlich die gegrillte Scheibe Hackfleisch, die saftig zwischen den Burger Buns landet.
Nicht selten war auch die andere Patty zum All-you-can-eat-Buffet vorgerückt. Aber Patty Campbell blieb die zweite Wahl. Der übel schmeckende Nachtisch, der probiert wird und dann unter der Serviette zurückbleibt. Angekaut und für den Mülleimer bestimmt. Vor allem bei den Jungs vom Fenstertisch. Jeden Freitag, wenn sich die Mitchell-Zwillinge, der stille Blonde vom Quick-Mart-Nachtschalter und noch so ein skurriler Typ hier trafen, hätte es Pattys Brötchen einiges abverlangt, um vor den Burgern vernascht zu werden.
Vom Tresen aus beobachtete Elies, wie Patty vier ›Jimmy’s Big Cheeseburger‹ ans Fenster brachte. Je häufiger sie sich dieses Schauspiel anschaute, desto abstoßender wirkte es. Sie hätte schwören können, dass sich Patty extra viel Zeit ließ, die Burger vom Tablett auf den Tisch zu stellen und dabei vor den Jungs zu tänzeln. Extrazeit, in der du dir einreden kannst, dass sie nach deinem Arsch lechzen und begierig darauf warten, ihre Zähne hineinzuschlagen, mit ihrer Zunge darin herumzuwühlen. Nichts als Selbstbetrug, denn sie wollen den Burger. Nur den Burger. Auch, wenn sie dich später wieder ausprobieren und angefangen liegenlassen; mit jedem weiteren Mal wirst du weniger ihr Geschmack.
Alles in allem war es Kunst. Schwer verständlich und kaum nachvollziehbar, aber in seiner abstoßenden Widersprüchlichkeit ein fesselndes Werk:
Patty tänzelte zittrig wie eine schwer beladene Bedienung auf Rollschuhen im Rückwärtsgang vor Halbstarken herum, die ihre Söhne hätten sein können.
Bis auf diese vier Freitagnachtdemütigungen war das Restaurant seit Stunden leer. Jimmy hockte im hintersten Bereich der Küche und schaute auf einem alten, von Frittierfett überzogenen Röhrenfernseher die hundertste Wiederholung eines Baseball-Klassikers. Den Kommentator hatte er stumm gestellt und durch seine eigene Hetze ersetzt, die von Zeit zu Zeit durch eine Bierflasche hallte, jedoch nie abbrach. Weiter vorne in der Küche dudelte ein Radio leise vor sich hin und umhüllte Jimmys Selbstgespräch in Hintergrundrauschen.
Vielleicht war es eher ein Unfall, dachte Elies. Eine Massenkarambolage, die das Leben aller Beteiligten mit jeder Sekunde weiter ins Verderben reißt. Die ersten Stoßstangen berühren sich, und die Sache nimmt ihren unausweichlichen Lauf. Alles verformt sich und kann nie wieder in die ursprüngliche Gestalt zurück. Leben bumst Leben. Erst verschieben sich die Bleche, dann verformen sie sich, letzten Endes bersten sie geräuschvoll – ein tragischer Unfall.
Du kannst nicht wegschauen.
»Kurz nach zehn, Jungs. Ihr wisst ja, in ‘ner halben Stunde …«
Patty Campbell lächelte unsicher. Ihr übertrieben geschminktes Gesicht strahlte für einen Moment die normalerweise verdeckt lodernde Abscheu gegen alles, jeden und sich selbst nach außen. Als würdest du einen vorgeheizten Ofen schlagartig aufreißen und hineinschauen. Für diesen einen Augenblick des Ausbruchs bröckelte die ohnehin schon gealterte Fassade. Vielleicht erkannte Patty das eigene Trauerspiel in der spiegelnden Fensterfront: Während sich die vier Typen an ihren Cheeseburgern vergingen, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass dieser Eifer und diese Sinnlichkeit in wenigen Stunden noch einmal auf der Ladefläche eines Pick-up Trucks auf sie überschwappen könnten. Zumindest bei einem von ihnen.
Nur Patty hörte bereits aus der Erinnerung heraus das rhythmische Knarren der ungepolsterten und kalten Ladefläche. Aber dass der Pick-up des Quick-Mart-Nachtschalter-Jungen auch diesen Freitag wieder auf einem der unbeleuchteten Feldwege neben dem Friedhofsgelände parken würde, zeichnete sich auch vor Elies’ innerem Auge ab. Dieses Kaff war nicht groß genug, um hier als Flittchen in der Anonymität versinken zu können. Und abgesehen davon: Es waren vier Kerle, die sich selbst und jedem, der nicht dabei sein konnte, etwas zu beweisen hatten. Natürlich wurde geredet.
Leben bumst Leben. Ein tragischer Unfall.
Die Besonderheit war nur, dass es nicht die Möglichkeit der Unfallflucht gab. Jeder hing irgendwie drin, und dem Glauben, unbeteiligter Außenstehender zu sein, war Elies noch nie auf den Leim gegangen.
Vom Tresen aus beobachtete sie Patty und wie sich die traurige Szene in der Fensterfront spiegelte. Es war so abscheulich wie vorhersehbar. Vielfacher Selbstbetrug oder eine einzige Lüge. Vielleicht konnte sie auch deswegen nicht wegschauen. Elies Parks hasste Lügen.
›Jimmy’s Burger Farm – knusprig und lecker‹. Als bunte Leuchtreklame in rundgelutschten Lettern prangte Jimmys Slogan direkt über der gläsernen, mit Fingerabdrücken übersäten Doppeltür.
Ein weiterer Gast betrat die Farm.
Elies schaute ruckartig zum Eingang. Sie hätte mit allem gerechnet. Dass sich Patty plötzlich den Minirock vom Leib reißt und als Cheeseburger-Ersatz anbietet, beispielsweise. Aber jetzt noch Kundschaft?
Beim Zufallen der Tür erklang zum zweiten Mal die rustikale Türglocke und riss Elies aus dem beängstigend realistischen Tagtraum.
Der vorwurfsvolle Blick zur Wanduhr bestätigte Elies‘ Unglauben. Sie setzte ein Lächeln auf und schlenderte dem 22:17-Uhr-Gast mit einem Elan entgegen, der nur noch für dreizehn Minuten ausreichen musste.
»Wir schließen in ein paar Minuten, sorry.«
»Gut, ich setz mich kurz zu meinen Kumpels. Ach, Süße, ich nehm ‘ne Coke und ‘nen Burger, nichts Besonderes, kein Käse, du weißt, was ich meine, he? Wir sind in ein paar Minuten weg.«
Er ließ Elies stehen. Den wachsenden Elan, den seine »Süße« angefeuert hatte, sah er nicht mehr. Er hätte genauso gut mit Nitroglycerin jonglieren können. Ihr Gesichtsausdruck blieb vom Funkeln ihrer Augen unberührt. Hinter der steinernen Fassade war jedoch etwas zum Leben erweckt worden, und das war nichts Geringeres als Lava.
Elies ging in die Küche. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, wie sich der Typ an Patty vorbei quetschte und neben die Mitchell-Zwillinge setzte. Elies malte sich Pattys dummes Lächeln aus, wie sie vor dem Kopfende des Tisches stand und sie der Gedanke an einen fünften Schwanz vergessen ließ, wie abgewrackt erbärmlich sie und dieses ganze Loch hier waren.
Leben bumst Leben, dachte Elies und bereitete in der Küche den Burger zu. Nichts Besonderes, kein Käse.
Sie wusste, was er meinte.
Doch wusste er, was er bestellt hatte?
Ein sanftes Lächeln entglitt ihrem konzentrierten Gesicht. Unbehelligt vom musikuntermalten Gebrabbel ihres Chefs wendete sie das brutzelnde Fleisch in der Pfanne. Sie hatte noch knapp vier Minuten, dann sollte auch das Brötchen außen knusprig und innen fluffig sein. Alles eine Frage des Timings.
Der Grill war bereits aus, sie schob die Brötchen in den Toaster neben der Salatbar. Der Duft des Fleisches kroch ihr in die Nase. Speichel lief ihr im Mund zusammen. Außen kross, innen zartrosa. Wer es blutig mag, brät es kürzer, ja, das hier war genau jetzt richtig.
Der eigentliche Trick war, das hatte sie schnell gelernt, egal, ob in Grill, Pfanne oder Patty: nur ein einziges Mal wenden und nicht unnötig anfassen. Zu viel Bewegung führt dazu, dass unnötig viel Flüssigkeit herausläuft.
Der Job bei Jimmy wurde nicht sonderlich gut bezahlt. Die Karrieremöglichkeiten waren überschaubar. Jeder weitere Tag hier ließ Elies einen Tag näher an Pattys Position heranrücken. Jeder Tag bedeutete einen fortschreitenden beruflichen, persönlichen und gesellschaftlichen Abstieg.
Auch Patty Campbell wird doch mal Träume gehabt haben? Als junge Frau vor …
7304 Tagen.
Diese Zahl hatte sich auf Elies’ Festplatte eingebrannt.
Diese Zahl unterschied sie. Elies würde nicht in zwanzig Jahren vor dem Fenstertisch flanieren, um Jungs, die heute noch in den Windeln liegen, auf ihr Brötchen aufmerksam zu machen.
Wenn du dreiundzwanzig bist, hören sich 7304 Tage unfassbar an. Erst Pattys täglicher Auftritt verpasste dieser Zeitspanne das nötige Grauen. Patty war der Blick in die Zukunft.
7304 Tage, und das innere Verlangen nach einer Pick-up-Ladefläche ist so normal wie Atmen.
Elies baute den Burger zusammen.
Ihr Gesicht verriet Konzentration, die Augen konnten jedoch nicht verbergen, dass sie andernorts beschäftigt war. Die Gedanken verfinsterten sich. Sie kreisten immer enger um ihr eigenes Versauern in diesem Laden. Bei der Vorstellung, dass der Dreckskerl, der sie noch eben mit »Süße« abgespeist hatte, in 7304 Tagen ihr Freitagabend-Highlight sein würde, drehte sich ihr der Magen um. Sie sah sich auf der finsteren Ladefläche eines Pick-up Trucks: zerzauste Haare, wunder Rücken, gerötete Gesäßbacken und aufgescheuerte Knie.
Ihre Atmung setzte wieder ein. Die Beschäftigung andernorts war vorüber. Sie hatte die Ladefläche verlassen und sah den dampfenden Burger vor sich auf dem Teller. Als Letztes fehlte noch die obere Brötchenhälfte, und Elies fiel wieder ein, warum dieser Job bei all der Scheiße doch seine Vorzüge hatte.
Macht.
Und von dieser Macht hatte sich eine beachtliche Menge in ihrem Mund gesammelt.
Elies war von der Menge an Speichel ehrlich überrascht, wie er sich sämig von ihrer Unterlippe zielgenau auf den Burger darunter ergoss.
Sie presste die obere Brötchenhälfte auf den Burger und flüsterte: »Et voilà … einmal Burger, nichts Besonderes, kein Käse, genau wie du’s brauchst.«
Mit einem drei viertel gefüllten Glas Coke war Elies an ihrem fernsehschauenden Chef vorbeigehuscht, hatte ihm behutsam auf die Schulter getätschelt, damit er nicht erschrak, und war eilig durch die Hintertür nach draußen verschwunden. Keine Minute später betrat sie wieder die Küche. Sie zerrte mit einer Hand den Minirock rechts und links zurecht und balancierte das randvoll gefüllte Glas über Jimmys schwitzende Kopfhaut.
Um 22:31 Uhr bekam der Kunde, was er bestellt hatte: eine drei viertel Coke und einen Burger. Alles darüber hinaus war Elies’ Auslegung von seinem »Du weißt, was ich meine, he?«.
Jimmy’s Burger Farm schloss erst, als sie alle aufgegessen und ausgetrunken hatten. Das war für Elies Ehrensache.
Knusprig und lecker.