Der Golem Schauerroman von Gustav Meyrink

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Ein Albtraum aus Lehm und Schatten

Im Labyrinth des Prager Ghettos verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Wahn. Alle 33 Jahre, so erzählt man sich, geht eine mysteriöse Gestalt durch die Gassen – der Golem. Ein Wesen, erschaffen aus Lehm, beseelt durch eine uralte Formel. Und doch ist es weit mehr als eine bloße Legende.

Als der Edelsteinschleifer Athanasius Pernath in den Besitz eines rätselhaften Buches gelangt, gerät sein Leben aus den Fugen. Er wird hineingezogen in einen Strudel aus verdrängten Erinnerungen, spirituellen Visionen und einer düsteren Kriminalgeschichte. Ist der Golem ein äußeres Ungeheuer, oder ist er das Spiegelbild der eigenen, zerrissenen Seele?

Gustav Meyrinks Klassiker der phantastischen Literatur ist weit mehr als ein Schauerroman. Es ist eine psychologische Reise in das Unterbewusstsein und ein tiefgründiges Werk über die Suche nach der eigenen Identität – eingebettet in die neblige Kulisse eines Prags, das es so nie wieder geben wird.

Ein Meilenstein der schwarzen Romantik und ein Muss für jeden Liebhaber des literarischen Horrors.

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Leseprobe

Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.

Wenn der Vollmond zu schrumpfen beginnt und seine rechte Seite verfällt – wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert –, dann bemächtigt sich meiner in dieser Nachtstunde eine trübe, qualvolle Unruhe. Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbschlaf vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.

Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich niederlegte, und in tausend Variationen zog der Satz immer wieder von vorn beginnend durch meinen Sinn: »Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und dachte: Vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da die Krähe dort jedoch nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich dem Stein genähert hat, so verlassen wir – wir, die Versucher – den Asketen Gotama, da wir das Gefallen an ihm verloren haben.« Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins Ungeheuerliche in meinem Hirn: Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flussbett und hebe glatte Kiesel auf. Graublaue, mit glitzerndem Staub besprenkelt, über die ich nachgrübele und nachgrübele und doch nichts mit ihnen anzufangen weiß; dann schwarze mit schwefelgelben Flecken, wie die Stein gewordenen Versuche eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden. Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer wieder fallen sie mir aus der Hand, und ich kann sie nicht aus meinem Blickfeld bannen. Alle jene Steine, die jemals in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, tauchen rings um mich her auf.

Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sand ans Licht emporzuarbeiten – wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkehrt –, als wollten sie alles daransetzen, meine Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen. Andere fallen erschöpft und kraftlos zurück in ihre Löcher und geben es auf, jemals zu Wort zu kommen.

Zuweilen fahre ich aus dem Dämmer dieser halben Träume empor und sehe für einen Augenblick wieder den Mondschein auf dem gebauschten Fußende meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein; nur um blind von Neuem hinter meinem schwindenden Bewusstsein herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend, der mich quält – der irgendwo verborgen im Schutt meiner Erinnerung liegen muss und aussieht wie ein Stück Fett.

Eine Regenrinne muss einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, so male ich es mir aus – stumpfwinklig abgebogen, die Ränder vom Rost zerfressen –, und trotzig will ich im Geiste ein solches Bild erzwingen, um meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen.

Es gelingt mir nicht.

Immer wieder und mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine eigensinnige Stimme in meinem Innern – unermüdlich wie ein Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Abständen gegen die Mauer schlagen lässt: Es sei ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der wie Fett aussehe. Und von dieser Stimme ist nicht loszukommen. Wenn ich hundertmal einwende, dass dies doch alles ganz nebensächlich sei, so schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht dann aber unvermerkt wieder auf und beginnt hartnäckig von Neuem: »Gut, gut, schon recht; es ist aber doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett aussieht.« Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit zu bemächtigen. Wie es weitergegangen ist, weiß ich nicht. Habe ich freiwillig jeden Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt, meine Gedanken?

Ich weiß nur: Mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind losgelöst und nicht mehr an ihn gebunden.

Wer ist jetzt ich?, will ich plötzlich fragen. Da besinne ich mich, dass ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte. Dann fürchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen.

Und so wende ich mich ab.

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