Und wenn sie erst gestorben sind ... Psychothriller von Franziska Rager

Ab dem 21.05.2026 erhältlich!
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Video Und wenn sie erst gestorben sind ...

Wenn Märchen töten ...

Eine junge Frau, makellos inszeniert als Schneewittchen, ist erst der Anfang einer grausamen Mordserie, die das Städtchen Waldstetten in Atem hält. Der ›Märchen-Killer‹ zwingt die Ermittler dazu, tief in die Abgründe menschlicher Obsessionen zu blicken.

Doch der Täter will mehr als nur ein Publikum – er will eine Chronistin. Die blinde Journalistin Zelda Liebknecht erhält ein persönliches Angebot, das ihr Leben aus den Angeln hebt. Während sie nach der Wahrheit sucht, läuft für ein weiteres Opfer die Zeit ab. Denn irgendwo im Dickicht wartet Rapunzel auf ihre Erlösung – oder auf den Tod.

Ein intensiver Psychothriller über die Zerbrechlichkeit der Psyche und eine mörderische Performance, die keine Gnade kennt.

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Leseprobe

Ihr Herz wütete in ihrem Brustkorb wie ein nicht zu bändigendes Raubtier. Ihre Beine hatten große Schwierigkeiten damit, sie – sie beide aufrechtzuhalten.

Hätte sie die Sache hier doch besser durchdenken sollen? Würde sie es schaffen?

Ein kühler Luftzug trug den modrigen Geruch von Laub und Erde an ihre Nase und ließ sie das Gesicht verziehen. Sie spürte den Boden unter den Füßen, wie er unter ihrem Gewicht nachgab. Für einen Augenblick keimte der Wunsch in ihr auf, er würde sie verschlucken. Sie schloss die Augen. Genoss die Vorstellung daran, nach und nach zu verschwinden. Zu spüren, wie die kühle Erde sich um sie legte. Mit der Gewissheit, nie wieder freizukommen.

Sie fühlte die kalten Regentropfen an ihrem Gesicht hinabgleiten. Fast angenehm, frisch, belebend. Nichts als eine Täuschung. Denn schon bald stieg ihr die Kälte vom nassen Waldboden hinauf in die Glieder, kroch ihre Beine entlang, bis sie ihren Rücken erreichte und ihre Gedanken einnahm. Es war diese schreckliche Kälte, die sie zugleich wachhielt und an den Rand des Wahnsinns trieb, sie dazu zwang, jegliche Kapitulationsgedanken zu verwerfen. Vielleicht war sie es auch, die sie jetzt noch antrieb.

Schwachsinn.

Sie wusste genau, warum sie das hier tat.

Jeder dritte Schritt brachte sie zwar ein Stück näher an ihr Ziel. Doch genauso oft drohten sie auf dem schmierigen Grund auszurutschen und zu stürzen. Der schwere Sack auf ihren Schultern drückte sie nieder, zog sie immer wieder in Richtung Erde. Als ihr Körper zum dritten Mal den direkten Bodenkontakt suchte, drängte sich ein unheimlicher Gedanke den Weg in ihr Bewusstsein: Was, wenn der Wald weiß, welche Schuld du auf dich lädst, und dich deshalb nicht mehr gehen lässt?

Doch das war Schwachsinn. Das wusste sie – ganz sicher sogar. Entschieden schüttelte sie sich den Gedanken aus dem Kopf.

Reiß dich zusammen! Du wirst bald selbst zu einem Psycho, wenn du so weitermachst!

Sie mahnte sich zur Konzentration. Ihre letzte Kraft zog sie aus dem Gedanken an ihre Mission. Keuchend rollte sie sich auf die Seite. Fühlte keinen Schmerz, nicht im Körper, nicht in der Seele. Es war das Adrenalin, das sie trug, welches ihr erlaubte, sich ein letztes Mal aufzurichten. Hastig wie ein Junkie sog sie die feuchte Luft durch ihre Nase. Schöpfte jede Form von Energie aus, die sie kriegen konnte.

Dort stand es. Umrahmt von zwei uralten Fichten thronte das ehemalige Schullandheim mitten im Nirgendwo, halb verborgen im Nebel. Ein graues Backsteingebäude, dem die Zeit bereits vieles genommen hatte. Es sah aus, als würde es seit Jahren nur darauf warten, wieder benutzt zu werden oder einfach in Ruhe zu verfallen. Denn Schulklassen kamen hier schon längst nicht mehr her. Bereits 2019 war es geschlossen worden. Und soweit sie wusste, hatte sich seitdem nie wieder jemand wirklich dafür interessiert. Als warte es einfach weiter stumm und geduldig auf den nächsten Schwung pubertärer Ungeheuer.

Ganz sicher konnte man sich dabei jedoch niemals sein, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Als Jugendliche hatten es ihr Lost Places angetan. Sie erinnerte sich noch vage an eine verlassene Klinik … Doch diese war ein begehrtes Ziel.

Hier war das anders. Niemand interessierte sich für –

Dieser Gedanke ließ sie zum ersten Mal wirklich an ihrem Plan zweifeln. Nervosität durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag. Es fühlte sich fremd an, beinahe wie ein Verrat an sich selbst.

Mein Plan ist in Ordnung …

Als Teenager war sie schon einmal hier gewesen. Damals, als das Gebäude noch in Betrieb war. Mit vierzehn. Sie hatte sich mit Händen und Füßen gegen die Klassenfahrt gewehrt, vergeblich. Am Ende hatte sie jede Stunde dort wie eine Strafe abgesessen, dabei hatte sie sogar die Minuten bis zur Abreise gezählt und dokumentiert.

Jetzt, zwölf Jahre später, betrachtete sie das Gebäude mit ganz anderen Augen. Von außen, als Fremde, erschien es ihr nicht mehr furchteinflößend oder gar abstoßend. Im Gegenteil, beinahe vertraut.

Ein ferner Verbündeter, welcher es hoffentlich vorzog, mich allein zu empfangen.

Es war auch nie der Ort gewesen, welcher sie so angewidert hatte, wie sie erst spät erkannte – zu spät. Es waren die Mitschüler gewesen. Die Kinder, die sie verspottet, ausgestoßen, getreten hatten. Die wahren Monster.

Ächzend schleppte sich die 26-Jährige die drei moosbewachsenen Stufen zum Haupteingang hinauf.

Natürlich, versperrt. War ja klar.

Mit letzter Kraft warf sie ihren ausgemergelten Körper gegen die massive Eingangstür. Doch die rührte sich nicht. Auch der zweite Versuch brachte keinen Erfolg.

»Scheiße, scheiße, SCHEISSE!«, fauchte sie kaum hörbar, aber voller Wut.

Sie sank auf die Knie, den Rücken an der Tür. Mehr für den dramaturgischen Effekt, die Authentizität ihres Abenteuers, als aus tatsächlicher Verzweiflung. Denn sie steckte schon viel zu tief drinnen. Umkehren war keine Option – sie zog es nie in Erwägung.

Wind zwang sich mit aller Kraft durch die Bäume hindurch, erzeugte ein unheimliches Ambiente. Das interessierte sie jedoch genauso wenig wie die Gefahr, der sie sich als junge Frau allein im Wald aussetzte. Sollte doch einer kommen und sie holen.

Mit mühsamen Schritten bewegte sie sich um das Gebäude, betrachtete die Fenster. Ob sie es wohl schaffen würde? Vor ihrem geistigen Auge sah sie es vor sich: Scherben, Blut – sehr viel Blut – ihr Blut, Tod. Die Zähne fest aufeinandergepresst, wagte sie es dann doch. Welche andere Möglichkeit hätte sie auch gehabt?

Splitter klirrten zu Boden. Durchschnitten die Stille der Nacht. Mit aller Vorsicht schwang sie ein Bein über den Fenstersims und ließ sich in das verlassene Gebäude fallen. Nur nicht schneiden. Nur nicht aufschlitzen. Als auch das zweite Bein sicher im Raum stand, kehrte ein Gefühl der Kontrolle zu ihr zurück. Sie war wieder voll und ganz Herrin ihrer Sinne. Das war auch gut so, denn das hier war erst der Anfang.

Zügig, aber mit Bedacht, durchkämmte sie die Räume im Erdgeschoss. Zu ihrer Verwunderung war vieles noch intakt. Die Gänge, die Türen, die Böden, erstaunlich wenig Verfall. Im ehemaligen Aufenthaltsraum stolperte sie über einen hässlichen, verwaschenen Perserteppich. Beinahe wäre sie erneut zu Boden gegangen. Eine längst verdrängte Erinnerung schien sich zurück in ihr Bewusstsein drängen zu wollen. Das spürte sie zwar, doch sie stemmte sich dagegen.

»Los, jetzt aber schnell!«, murmelte sie sich selbst zu.

Die Treppen hinunter, hinaus, zurück in die Dunkelheit. Mit einer zügigen Bewegung lud sie den schweren Sack für ein letztes Mal auf ihre schmalen Schultern. Er fühlte sich schwerer an als je zuvor. Ihr Körper rebellierte. Sie hatte sich bereits an das Tragen gewöhnt, aber die kurze Pause hatte sie anfälliger gemacht. Der Weg, der noch vor ihr lag, war jedoch lediglich ein kurzer. Der Gang zum ewigen Schlafplatz, beinahe geschafft.

Nächstes Mal mache ich es anders, dachte sie. Nächstes Mal bin ich besser vorbereitet.

Dass sie eines Tages geschnappt werden würde, daran hatte sie keine Zweifel. Natürlich nicht. Schließlich war sie nicht naiv. Glaubte nicht an Heldentum oder Genialität. Kannte die Realität und auch, wie fragwürdig dieses Konzept sein konnte. Oft dachte sie an die Nächte zurück, in denen sie stundenlang wach gelegen und True-Crime-Dokus gebinged hatte. Wie viele Täter dort auftraten, brillant, planend, skrupellos und trotzdem scheiterten. Wie diese zwei Jurastudenten, ›Leopold und Loeb‹, die ihren Mord als perfekte Tat angesehen hatten und doch auf banalste Weise enttarnt worden waren.

Gerade wegen solcher Typen hatte sie sich geschworen, sich ihrer Sache nie zu sicher zu sein. Nie übermütig zu werden. Immer vorsichtig zu bleiben. Denn sie hatte noch einiges vor. Und bis dahin musste sie funktionieren. Das mit der Gerechtigkeit konnte warten. Ein Konzept, von dem sie sowieso nichts hielt.

Das Gebäude empfing sie stumm. Die Tür, welche sich so überraschend leicht aufstoßen ließ, fiel genauso zufriedenstellend wieder hinter ihr ins Schloss. Der Eingangsbereich war karg, dominiert von einem weiteren ausgeblichenen Teppich, einst grün oder blau, und einer rostigen Garderobe. Einige Türen gingen von dort aus ab. Doch sie entschied sich, trotz des brennenden Drucks auf ihren Schultern, die Treppe in den ersten Stock zu nehmen. Dort lagen, so erinnerte sie sich, die Schlafzimmer. Ihre Knie zitterten. Ihr Rücken schrie. Trotzdem schleppte sie sich weiter. Schritt für Schritt. Stufe für Stufe.

Gerade noch rechtzeitig erreichte sie das Zimmer mit der Nummer 7. Denn kaum hatte sie die Schwelle übertreten, versagten ihre Beine. Die Dielen empfingen sie mit ihrem modrigen Gammelgeruch. Für einige Minuten verharrte sie dort. Den Kopf auf dem dreckigen Holzboden. Jegliche Kraft war mit einem Mal aus ihrem Körper gewichen, so als ob man ihr den Hahn zugedreht hätte.

Doch ihr Geist blieb stur, befähigte sie zu beinahe übernatürlicher Stärke. Die Arme und Beine angewinkelt, stützte sie sich auf. Drückte ihren beladenen Körper vom Boden ab. Mit einem lauten Krachen rollte der Sack über ihren Rücken und landete auf den Dielen. Der Aufprall hallte nach. Brannte sich in ihren Verstand. Eigentlich hatte sie vorgehabt, das Mädchen in einem der Betreuerzimmer zu positionieren. Doch das war jetzt egal.

Es ist egal.

Zumindest versuchte sie sich dies einzureden. Jedoch funktionierte das nicht so gut wie bei anderen Menschen. Wie ein kleines Mädchen vor ihrem Puppenhaus saß sie da, betrachtete das Bündel vor ihren Füßen. Minuten vergingen. Die Kraft kehrte zurück, mühsam, aber ausreichend. Aus ihrer Umhängetasche, die sie inzwischen verfluchte, weil sie so unpraktisch war, zog sie die Dinge, die sie extra für das Mädchen besorgt hatte. Gegenstände, sorgsam ausgewählt. Anschließend beugte sie sich über das blasse Gesicht, presste ihre Lippen sachte auf die kühle Wange. Da war kein Gefühl. Nichts. Noch nicht. Aber vielleicht würde sich das irgendwann ändern.

Fast hätte sie es vergessen. Aus der linken Jackentasche fischte sie einen zerknitterten Papierfetzen und einen Kugelschreiber.

Mist. Warum habe ich keinen größeren Zettel mitgenommen?

Trotzdem begann sie zu schreiben. Zeile für Zeile. Wort für Wort.

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