I Know Your Minds Thriller von Petra Kurz

Erscheint
am 23.03.2026
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Deine Gedanken sind frei. Noch.

An ihrem achtzehnten Geburtstag glaubt Annette, endlich in die Freiheit zu steuern – im Gepäck ein neues rotes Cabrio und die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Doch sie ahnt nicht, dass jeder Kilometer ihrer Reise längst kartografiert ist.

Annette besitzt eine Gabe, die sie zur wertvollsten Beute einer skrupellosen Organisation macht. In einer Welt, in der Privatsphäre ein Relikt der Vergangenheit ist und ›Finder‹ jeden deiner Schritte überwachen, gibt es kein Entkommen. Die Grenze zwischen Realität und Manipulation verschwimmt, und bald muss sie sich fragen: Sind ihre Erinnerungen wirklich ihre eigenen? Oder nur ein Konstrukt derer, die ihre Macht brechen wollen?

Ein packender Fantasy-Thriller über die Macht der Gedanken und den Preis der Freiheit.

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Leseprobe

Man sagt, Zuhause sei dort, wo man Wurzeln schlägt. Meine hatten nie genug Zeit, sich festzuhalten. Unsere Eltern zogen um, als würden sie vor etwas davonlaufen. Kaum hatte ich mir die Wege zur Schule eingeprägt, stapelten sich Kartons im Flur. Kaum hatte ich gelernt, wem ich vertrauen konnte, verschwanden die Stimmen aus meinem Alltag. Freundschaften verdampften wie Pfützen nach einem Sommerregen. Irgendwann hörte ich auf, mir Namen und Gesichter einzuprägen. Ich schrieb Briefe, sorgfältig, ordentlich, bis nur noch mein eigener Absender zurückkam.

In den Jahren vor Jakobs Geburt fühlte sich jeder Umzug an wie eine unsichtbare Strafe. Niemand erklärte mir, wofür. Ich stellte keine Fragen – zumindest keine, die laut genug waren, um Antworten zu erzwingen. Stattdessen sammelte sich in mir etwas Zähes, Dumpfes. Ein Widerstand, der nirgends hinkonnte. Mit der Zeit legte er sich wie eine Schicht aus Watte über alles. Ich packte meine Sachen nicht mehr richtig aus. Kleidung blieb in Taschen, Bücher in Kisten. Warum sich Mühe geben, wenn man ohnehin bald wieder ging?

Ich wurde leiser. Vorsichtiger. In der Schule saß ich dort, wo man mich nicht bemerkte, und beobachtete. Ich hörte mehr zu, als ich sprach. Bis eines Tages dieser Satz fiel – hell, unpassend, wie ein Blitz in einer Nacht, die gerade erst eingeschlafen war: »Du bekommst ein Geschwisterchen!«

Mums Augen glänzten. Ihre Stimme bebte, als hätte sie selbst Mühe, sich zu halten. Etwas in mir zog sich zusammen – und entfaltete sich zugleich.

Jakob wurde mein Mittelpunkt. Zehn Jahre jünger und doch oft ruhiger als ich. Zwischen uns lag etwas Ungesagtes, ein stilles Einverständnis. Vielleicht, weil wir beide wussten, wie sich Einsamkeit anfühlt.

Am 4. März war es endlich so weit – Jakob kam zur Welt. Schon Tage zuvor hatte die Luft in unserem Haus vor Aufregung geknistert, als läge etwas Ungeduldiges darin verborgen. Ich erinnere mich noch an meine schwitzigen Hände, als ich ihn zum ersten Mal halten durfte. So klein, so leicht – seine Wärme sickerte durch meine Arme, und es fühlte sich an, als würde ich etwas unendlich Kostbares tragen. Ich war zehn, stolz, und plötzlich war ich nicht mehr nur Tochter, sondern große Schwester.

Mum vertraute mir Aufgaben an, die mich wachsen ließen. Fläschchen wärmen, Windeln holen, auf ihn aufpassen, während sie schlief. Ich bewegte mich leise durchs Haus, jeden Schritt bedacht, als könnte schon ein falsches Geräusch diesen fragilen Frieden zerbrechen. Ich sog jedes Lob auf, als wäre es etwas, das mir lange entbehrt geblieben war. Doch an meinem Geburtstag, nur wenige Monate später, kam die Nachricht, dass wir wieder umziehen würden – genau an diesem Tag.

Warum ausgerechnet jetzt?

Wir verließen die Stadt. Meine Eltern sprachen von frischer Luft, von Platz, von einem Garten für Jakob. Ihre Stimmen klangen vernünftig, glatt, aber etwas darin war zu hastig. Zu sauber. Sie hatten dieses Haus jahrelang geplant – jedes Fenster, jede Wand. Und nun: Taschen statt Kisten. Eine Spedition würde den Rest bringen.

Im Auto herrschte eine seltsame Ruhe. Dad starrte auf die Straße, die Hände verkrampft am Lenkrad, als würde er sich an der Spur festhalten. Immerzu warf Mum besorgte Blicke nach hinten, zu Jakob, zu mir, als müsse sie sich vergewissern, dass wir noch da waren. Damals verstand ich es nicht. Heute wünschte ich, ich hätte es nie verstanden.

Unser neues Zuhause war ohne Zweifel beeindruckend. Es lag in einer ruhigen Sackgasse. Ein Architektenhaus, kühl und makellos, mit einem Infinity-Pool, der sich wie flüssiges Glas in den Himmel ergoss. Der Garten glich einem kleinen Park, sorgfältig angelegt, ohne auch nur einen Grashalm dem Zufall zu überlassen. Als wir uns dem Haus näherten, breitete sich ein unangenehmes Gefühl in mir aus, auch wenn ich versuchte, es zu ignorieren. Es blieb, legte sich unter meine Haut und wartete.

Dad hatte sich selbst übertroffen. Glasflächen statt Wände, Flure, die kein Ende kannten, Räume, die atmeten, ohne Wärme abzugeben. Die geschwungene Treppe im Foyer war ein Kunstwerk. Schön. Unnahbar. Nachts war das Haus ein Labyrinth aus Spiegelungen und Schatten. Ich lag wach und hörte mein eigenes Atmen.

Warum vier Menschen so viel Raum brauchen, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Mum sprach von Kreativität, doch ich sah sie selten malen. Eigentlich sah ich sie selten überhaupt. Das Personal wechselte. Kam und ging. Wie Gäste in einem Hotel. Wenn meine Eltern reisten, blieb das Haus zurück – still, lauschend. So still, dass jedes Geräusch zu laut wurde.

Nur Victoria blieb. Sie füllte Räume, ohne sie zu beherrschen.

»Iss, mein Schatz«, sagte sie und stellte mir Suppe hin. Ihre Stimme war weich, doch ihr Blick verweilte zu lange. Ihre Gerichte erinnerten an etwas, das ich fast vergessen hatte. Geburtstage bedeuteten bei ihr Torten, die zu schön waren, um sie anzuschneiden.

»Deine Eltern meinen es gut«, sagte sie manchmal.

Dann lächelte sie. Dieses wissende Lächeln. Und manchmal, wenn sie glaubte, ich sähe es nicht, glitt ihr Blick fort – leer, fern. Wie bei meinen Eltern.

Sissi war anders. Laut. Jung. Unruhig. Sie kam mit einem Lachen ins Haus, das nach Kaugummi und Selbstsicherheit roch. Vor meinen Eltern spielte sie die perfekte Nanny. Sobald sie weg waren, kippte etwas. Ihre Stimme wurde scharf. Jakob zuckte zusammen. Ich spürte, wie mir heiß wurde.

Ich beobachtete sie. Wie sie trank. Wie sie tippte und löschte. Wie sie uns übersah. Als ich es Dad erzählte, winkte er ab.

Ich beschloss, nicht mehr zu reden. Ich würde zeigen.

Die Kameras waren mein Geschenk – und mein Werkzeug. Drei kleine Augen, die nicht blinzelten. Ich platzierte sie dort, wo sich Wege kreuzten. Ich beobachtete, speicherte, sammelte. Bilder. Geräusche. Beweise.

Seit einer Ewigkeit fühlte ich wieder Kontrolle.

An dem Abend waren wir allein. Ich las Jakob vor, bis sein Atem ruhig wurde. Dann lag ich im Dunkeln, das Handy in der Hand. Die Monitore flimmerten. Leer. Still.

Sissi erschien. Sie ging den Flur entlang, das Handy am Ohr. Ich folgte jeder Bewegung. Jede Sekunde.

Mein Herz schlug schneller.

Vielleicht würde sie mir heute liefern, was ich brauchte. Vielleicht würde ihre Fassade endlich reißen.

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