Badazan Stadt ohne GötterFantasyroman von Karl Konrad Koenigs
Wir sind die neuen Götter!
In der magischen Metropole Badazan regiert nicht der alte Glaube, sondern der gnadenlose Hunger nach Macht. Die Straßendiebin Seroin gerät aus den düsteren Gassen in eine Verschwörung der Mächtigen und Reichen, die sich der letzten Überreste der alten Götter entledigen wollen ...
Ein atemberaubendes Fantasy-Epos von Karl Konrad Koenigs über tödliche Intrigen, den Preis von Freiheit und einer Stadt, die den Himmel selbst brennen lässt.
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Dieses Werk erscheint am 08.10.2026.
Das Geräusch des langsam eingegossenen Tees rundete das friedliche Bild der kleinen, gemütlichen Taverne ab. Die schrägen und teils schmutzigen Bodendielen gaben kaum Platz für die vielen schiefen Tische und Stühle her. Unzählige Flecken auf dem Holz erzählten von zahllosen Abenden der Freude, der ein oder anderen Schlägerei und zeigten, wo die eher trinkfesteren Stammkunden ihren Platz hatten.
Die Stühle kuschelten sich so eng aneinander, dass in einer gefüllten Taverne ein jeder Mann und eine jede Frau vor sich, hinter sich und um sich herum von Freunden umgeben wäre. Und das fast leere Schankregal am Ende des Raumes zeigte: Hier tranken Freunde gerne.
Auch die Wände der Taverne versprachen nichts mehr als Heimat und ehrliche Arbeit. Dort hingen die schweren Äxte der Holzfäller, die erprobten Bögen der Jäger und die festen Waschbretter der Mägde. Manch ein Werkzeug befand sich nur als Dekoration an der Wand, sichtlich von Staub belegt, andere wiederum wurden fast täglich genutzt. Sie hingen so angekuschelt an der braunen Holzwand, wie womöglich die Gäste in dieser Taverne zusammensaßen.
Über all den Stühlen und Tischen klebte ein Strohdach, das schon bessere Tage gesehen hatte. Zwar fand man kein Loch in der Decke, aber die ein oder andere Stelle, an der das Stroh sich löste und seinen Weg zu Boden suchte.
Inmitten dieser alten und gut genutzten Dinge stand ein Mann, der dieses Bild gar völlig störte, beinahe herausforderte. Seine eng anliegende blaue Robe hatte kein Stück Stoff zu viel und fiel perfekt an ihm herab. Seine festen Lederstiefel und glatten Handschuhe strahlten frisch poliert, ein scharfes Glänzen spiegelte sich in ihnen wider. Und seine Haare lagen so einheitlich auf seinem Haupt, man könnte meinen, er habe es ihnen unter Androhung von Strafe so befohlen.
Der Mann hielt eine kleine Teekanne aus Porzellan in der Hand und schenkte sich damit in eine passend aussehende Tasse ein. Auch diese beiden Gegenstände schienen sich eher hierher verirrt zu haben. Die Taverne zeugte von Gemütlichkeit und dem einfachen Landleben, während alles an ihm nach Präzision schrie.
Nicht so jedoch die Art, wie er trank. Er hob die Tasse mit den Fingerspitzen und kippte sich den warmen Tee in den Rachen wie einen verdienten Schnaps nach harter Arbeit. Schmatzend leckte er sich über die Lippen und begutachtete seine Hände. »Lieber jetzt, bevor meine Finger gleich zu sehr zittern.«
Mit diesen Worten holte er aus und schlug dem vor ihm gefesselten Bauern so kräftig ins Gesicht, dass ein Zahn in dessen Mund absplitterte.
Der Bauer stöhnte unter Schmerzen auf, Spucke und Blut sammelten sich in seinem ungepflegten Bart. Sein rechtes Auge war bereits geschwollen, das linke suchte flehend den Blick nach oben. »Ich bitte dich, töt mich ned. Ich bitte dich, Herr.«
Der Mann in Blau legte den Kopf schief. »Inspektor. Nicht Herr. Inspektor. Und Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich schicke Sie doch nicht ins nächste Sein.«
Wieder holte der Inspektor aus und seine Faust grub sich tief in den Magen des Gefangenen vor ihm. »Nur wie lange wir uns noch die Audienz in dieser ... sagen wir mal primitiven Halle Eures Volkes teilen, das hängt von Ihnen ab.«
Seelenruhig lief der Inspektor um den gefesselten Bauern herum, legte seine Hände ach so sanft auf dessen Schultern und näherte seine spitzen Lippen an dessen Ohr. »Wo ist sie?«
Der Bauer erholte sich gerade noch von dem Magenschlag. Er würgte trocken und schnappte verzweifelt nach Luft. »Weiß ned, ich weiß doch nichts, bitte Herr ... Inspektor! Bitte, Inspektor! Niemand weiß hier wat. Sind doch nur 'n kleines Dorf.«
Gezielt hob der Inspektor seine Hände in die Luft und zeichnete eine Linie nach. »Und direkt an einer der wichtigsten Straßen des Kontinents. Wer von der einen Seite von Auervam zur anderen will, nun, der kommt wahrscheinlich in Ihrem Dorf vorbei, lieber Wilder.«
Blitzschnell verpasste er seinem Gefangenen einen Schlag mit der flachen Hand aufs Ohr. »Also reden Sie lieber!«
Der Bauer schniefte auf, Tränen liefen aus seinen Augen, ein kleines Rinnsal Blut aus seinem Mund. »Ich weiß ned, nichts weiß ich.«
»Mir scheint, die simple Art der Informationsbeschaffung seid Ihr ... gewöhnt. Oder sie erreicht Euch nicht.«
Der Inspektor zog sich langsam einen Handschuh aus; die Geste erinnerte an das Schärfen eines Dolches. »Aber wir haben schönere Wege, etwas aus Eurem Kopf zu erfahren. Deutlich schönere.«
Er trat vor den Bauern und hielt ihm die nackten, dünnen Finger vors Gesicht. »Magie, mein lieber Wilder, eine so einfache Magie. Ich kann Ihren Kopf schlicht durchblättern wie ein simples Buch. Wenn Sie sich wehren, nun, dann stellen Sie sich vor, die Seiten Ihres Buches seien verklebt. Ich kriege sie aufgerissen, keine Frage, nur dabei ist abzuwarten, wie viel ich vom Buch ... kaputt mache. Verstanden, lieber Wilder?«
Der Bauer starrte auf die schwitzigen Finger wie auf das schlimmste Folterwerkzeug aus schlechten Träumen. »Magie? Solch eine Begabung und Ihr nutzt sie so? Magie verlangt Ehre, Verantwortung ...«
Der Inspektor schmunzelte. »Und sie schafft Möglichkeiten, Macht. Wollt Ihr das spüren?«
»Mach du, mach du dein Schandwerk, ich halt's aus, Ihr werdet‘s eh alle büßen.« Mit einer neugewonnenen Stärke hob der Bauer den Blick. »Dieses Dorf, diese Straße ... wisst‘s Ihr, von wem sie geschützt wird? Wisst‘s, wessen Zorn Ihr gerade auf Euch lenkt?«
Als hätten seine Worte es beschworen, dröhnte eine tiefe, donnernde Frauenstimme außerhalb der Taverne durch die Gassen des Dorfes. »Wer wagt es, meine Untergebenen so zu behandeln, sie zu entehren? Jede Schändung ihrer ist eine Verletzung meines Respekts, meiner Würde!«
Bei diesen Worten strahlte der Bauer auf, all die Schläge schienen vergessen zu sein. »Euch erwartet 'ne Tracht Prügel, jetzt werdet Ihr zerpflückt. Das is' keine einfache Frau, das is' 'n Ideenkind, 'ne Halbgöttin. Und die hat hier das Sagen, jetzt ist's um Euch geschehen.«
Doch der Inspektor schlenderte gelassen zur Eingangstür der Taverne und spähte durch deren kleines, mittiges Fenster nach draußen. Dann kramte er genervt in seiner Robe herum und holte ein kleines Notizbuch heraus. »Wo waren wir noch mal?.. ah ja ... diese Ecke des Kontinents. In dieser barbarischen Wildnis muss man sich erst mal zurechtfinden. So.«
Er strich mit seinem Finger eine Liste ab. »Ah ja, die besagte Dame. Sehr schön. Wir dachten, sie käme früher, haben sie nicht so spät erwartet, aber nun denn.«
Der Bauer verlor augenblicklich sein Grinsen und sah den Mann in Blau weitäugig an. »So spät ... erwartet?«
Der Inspektor hob wieder seine Teekanne und begann langsam, sich Tee einzugießen.
Da ertönte die tiefe Stimme von draußen erneut, diesmal scheinbar direkt vor der kleinen Taverne. »Einfache Sterbliche fordern meine Geduld so heraus? Stellen sich mir in den Weg? Wisst ihr, mit wem ihr redet? Wisst ihr, welchen Fehler ihr begeht? Ihr steht vor der Drittgeborenen Tochter der Idee des ...«
Beinahe gleichzeitig flackerten unzählige Lichter außerhalb der Taverne auf, es brummte ohrenbetäubend tief in der Luft, als wären vor der Tür zahllose Blitze eingeschlagen.
Plötzlich trat die Stille wieder ein, doch nur für einen Moment, bevor ein schwerer, lebloser Leib vor der Taverne in den kalten Schlammboden klatschte.
»Ideenkind neutralisiert. Beginnen Bergung der Überreste für weitere Nachforschungen und Rohstoffgewinnung.«
Eine Vielzahl seltsam leerer Stimmen sprach im Einklang auf. Sie hörten sich an, als würden ihre Zungen in einer Blechdose sprechen. »Leichnam erfolgreich geborgen, Notiz für die entsprechende Behörde: Auch dieses Ideenkind wurde erfolgreich neutralisiert.«
Mit diesem Satz von draußen beendete der Inspektor in der Taverne das Einschenken seines Tees. Wieder kippte er es sich grob in den Hals. Seine Finger zitterten dabei kein bisschen. »Ich nehme an, lieber Wilder, Ihr wisst nicht von noch einem dieser Ideenkinder? Informationen über jeden Halbgott wären mehr als nur willkommen. Es wird vielleicht sogar belohnt.«
Das Leben entwich dem Bauern aus dem Gesicht und sein Kopf sank herab. Seine Lippen zitterten stumm, als würden sie versuchen, sich an ein Stoßgebet zu erinnern. »Das war ... war ...«
»War, richtig? Nicht die Erste. Und bei Weitem nicht die Letzte.«
Der Inspektor strich mit freudigem Gesicht einen Namen in seinem kleinen Notizbuch durch. Sein stummes Abzählen zeigte: Auf dieser Seite war er wohl sehr fleißig gewesen.
Langsam fand der Bauer seine Worte wieder. »Bitte. Tötet hier niemanden, Herr Inspektor.«
Der Mann in Blau winkte ab. »Wo ist sie?«
Der Blick des Bauern stolperte durch die kleine Taverne, dann schlossen sich seine schweren Augen. »Sie war auf der Durchreise. Wollte weg von ihrer Heimat. Hat Glauben und Haus verloren.«
Der Inspektor senkte langsam sein Haupt. »Wo. Ist. Sie?«
Plötzlich warf der Bauer ihm einen feurigen Blick zu. »Da, wo alle Frevler und Ideenlästerer landen, da, wo sich solches Pack sammelt und mehrt! In dem Loch, das dich da ausgespuckt hat!«
Mit stetig wachsendem Verständnis blinzelte der Inspektor, die Erkenntnis stand ihm klar vor Augen. »Sie ist ... bei uns. Zu Hause in der Stadt. Was für eine Wendung! Woher wisst Ihr das? Woher wisst Ihr von unserer schönen Heimat?«
Der gefesselte Mann war geschlagen und am Bluten, und doch hielt er den Blick. »Wer sich die neuen Götter schimpft ... der fängt viele Augen und Ohren.«
Zufrieden stahl sich ein Lächeln auf die Lippen des Inspektors. »Schön, einfach sehr schön.«
Er richtete sich auf und strich seine Robe wieder ordentlich glatt; die Blutspritzer darauf störten ihn kaum. »Dann hatten wir das Vergnügen. Ich habe zu danken, lieber Wilder.«
Der Mann in Blau hob seine Teekanne und die Tasse in die Höhe. »Seht dies als Gastgeschenke.«
Er ließ die beiden feinen Gegenstände schlicht fallen. Unzählige weiße Splitter verteilten sich über den schiefen Boden. »Man sagt, außerhalb unserer Stadt handle man noch mit Tausch und ähnlichen einfachen Methoden. Die Reste hier sollten für niedere Völker wie Eures von großem Wert sein.«
Geschwind und mit gezielter Präzision trat er dem Bauern ins Gesicht. Dieser flog mitsamt dem an ihn gefesselten Stuhl nach hinten, schlug hart auf und hustete schmerzerfüllt.
Der Inspektor beugte sich zu dem Bauern und löste dessen Fesseln. »Sie ist einfach bei uns, nein, wie spannend. Das vereinfacht und erschwert die Suche enorm.«
Als der Bauer frei war, trat der Mann in Blau noch einmal nach und schritt dann zur Ausgangstür.
Vor der Taverne schien sich bereits eine Vielzahl von weiteren Personen versammelt zu haben, ebenfalls bereit für den Aufbruch.
Der am Boden liegende Bauer keuchte Blut auf den Boden und kroch langsam auf alle viere. »Euch schickt das Übel, das Schlimme in der Welt, ja, Defala selbst schickt Euch!«
Der Inspektor blieb im Rahmen der Tavernentür stehen und schmunzelte dem Bauern zu. »Ach nein, lieber Wilder.«
Er hob die nackte Hand in Richtung Strohdecke und konzentrierte sich. Augenblicklich leuchtete es einmal grell im Raum auf und ein gieriges Feuer breitete sich über das Dach aus. Die ersten Funken fielen bereits von der Decke und suchten neue Opfer am hölzernen Boden.
In den Augen des Bauern breitete sich pure Trauer aus, als er sein Lebenswerk vor sich niederbrennen sah.
»Uns schickt die freie und schöne Stadt Badazan.«