Rache heilt narbenfrei Psychothriller von Beatrix Narzt

Ab dem 14.05.2026 erhältlich!
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Video Rache heilt narbenfrei

Wiener Blut und kalter Stahl

Hinter den prunkvollen Fassaden der Döblinger Villen scheint die Welt noch in Ordnung. Doch die bürgerliche Idylle ist trügerisch. Als ein prominenter Juwelier unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnt die Maskerade der Nobelgesellschaft zu bröckeln.

Die Ermittlerin Manu Moor blickt mit messerscharfem Verstand hinter die Kulissen – während sie den brennenden Geschmack von hartem Schnaps nutzt, um den Wiener Grant und die Abgründe der Stadt zu ertragen.

Zwischen zwei exzentrischen Schwestern, die in ihrer Villa düstere Geheimnisse hüten, und dem kühlen Chirurgen Dr. Philip Good entspinnt sich ein Netz aus Gier und mörderischer Präzision.

In Wien sagt man: „G’storbn wird immer.“ Aber manche helfen eben ein bisschen nach.

Ein tiefschwarzer Wien-Krimi voller morbider Eleganz und einer Spannung, so scharf wie ein frisch geschliffenes Skalpell.

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1

»Krähenfüße!«

Dr. Demells betrachtet die Haut um Luise Weissbergs Augenpartie durch eine Lupe mit integrierter Beleuchtung. Das Licht flackert auf ihrem Gesicht, denn seine Hand zittert.

»Man sollte dringend ein bisschen nachbessern.«

Während er spricht, atmet er Luise ungebremst ins Gesicht. Er bemerkt den fauligen Geschmack. Obwohl seine Patientin ihn schockiert anschaut, atmet er unverändert weiter. Schließlich kann er nicht aufs Atmen verzichten. Es entgeht ihm nicht, wie sie die Augen zusammenkneift und versucht, ihn gegen das helle Licht der Lupenbeleuchtung genau zu betrachten. Schon seit dem Moment, in dem sie das Sprechzimmer betreten und einen ersten Blick auf ihn geworfen hat, hat er den Eindruck, als kämpfe sie damit, ihre Fassung wiederzufinden. Wahrscheinlich hat sie die Gerüchte über ihn gehört und ist nur in seine Praxis gekommen, um zu sehen, was dran ist an diesen Gerüchten. Er hätte liebend gerne darauf verzichtet, Patienten zu empfangen. Aber die Kasse ist leer, er braucht dringend Geld. Also hat er Luise Weissberg mit der Absicht empfangen, ihr einen kleinen Eingriff zu verkaufen. Früher hätten solche Gedanken Gewissensbisse bei ihm verursacht. Aktuell kann er sich Ehrenhaftigkeit nicht leisten.

Kopfschmerzen hämmern wie verrückt gegen seine Schläfen, jeder Lichtstrahl tut seinen Augen weh. Wenn die Patientin glaubt, sein Atem riecht übel, dann sollte sie mal einen Eindruck davon haben, wie kotzübel ihm wirklich ist! Er kann sich kaum beherrschen, doch die winzigen Krähenfüße müssen jetzt behandelt werden. Jetzt sofort, damit Geld in die Kasse kommt. Geld für Kokain. Wie sehr wünscht er sich ein bisschen von dem Zeug her! Das würde ihm die Aktion hier erleichtern. Er nimmt sich vor, in Zukunft für solche Fälle einen kleinen Notvorrat zu bunkern.

»Nun, Frau Weissberg, was sagen Sie? Legen wir gleich los? Ich habe gerade ein Zeitfenster frei.«

Er reibt sich die Hände.

»Wie geht es Ihnen, Herr Doktor? Wir haben einander nun ja schon einige Monate nicht gesehen!«

Luise Weissbergs Lächeln wirkt verkrampft auf den Doktor. Dr. Demells hat keine Lust zu sprechen. Genau genommen hat er auch keine Kraft dazu. Ein leises Rülpsen entweicht ihm. Wie gerne würde er es bei dieser Antwort belassen! Er presst die trockenen Lippen aufeinander und würgt einige Worte hervor.

»Ach, es geht schon, Frau Weissberg. Wie immer gebe ich mein Bestes.«

Er steht auf und geht zu seinem Medikamentenschrank – ein nonverbales Signal, dass dieses Gespräch für ihn beendet ist und er dabei ist, zur Tat zu schreiten. Doch seine Patientin scheint noch Sprechbedarf zu haben. Warum wollen alte Schachteln immer reden? Sie gibt nicht auf.

»Ich habe seit Längerem versucht, einen Termin in Ihrer Praxis zu vereinbaren. Ich habe einige Male angerufen, aber niemand hat sich gemeldet. War die Praxis denn für längere Zeit geschlossen?«

Er fährt sich mit der Hand über sein Gesicht. Sie hört das kratzende Geräusch, als er über die grauen Bartstoppeln wischt. Graue Bartstoppeln auf grauer, teigiger Haut. Er schaut in einen der vier großen Spiegel, die sein Behandlungszimmer zieren. Sein Gesicht ist ungesund fahl, fahl bis auf die Knochen. Trübe, fahrige Augen mit gelblichen Augäpfeln schauen ihm entgegen. Die wässrig wirkende Iris ist von einem grauen Ring umgeben. Doch der graubraune Schatten unter den Augen zieht seinen Blick weiter nach unten. Die Lippen sind schmal, trocken und rissig. Sie sind blass und bilden eine Linie. Über seinem Gesicht bebt stumpfes Haar, fettig und unfrisiert. Was ist übrig geblieben von dem perfekten Bild eines gesunden Mannes, das er immer zur Schau getragen hat? ›Mens sana in corpore sano‹. Das ist er immer gewesen. Sportlich, aktiv, klug, vital, agil!

Doch nun sieht er aus wie einer der bedauernswerten Menschen, die auf der Straße leben müssen. Seine Bewegungen sind im krassen Gegensatz zu seinen Augen eingeschränkt und langsam. Einige Sekunden lang betrachtet er seine Patientin, die vor ihm auf dem Sessel sitzt. Höflich lächelnd mit vorgerecktem Kinn, die Griffe der teuren Markenhandtasche krampfhaft mit beiden Händen umklammernd, wirkt sie, als ob sie lauert. Als er weiterspricht, lallt er.

»Um ehrlich zu sein, ich habe leider Kopfschmerzen. Ich wollte mir nichts anmerken lassen, aber Sie, liebe Frau Weissberg, sind eine aufmerksame Beobachterin.«

Er bemüht sich, einen heiter-spöttischen, aber doch entspannten Gesichtsausdruck aufzusetzen.

»Ich fühle mich entsetzlich, wenn ich ehrlich bin!«

Er zwinkert ihr zu.

»Aber Ihre Krähenfüße sind auch nicht zu verachten.«

Ein erneutes Zwinkern.

»Sie können mir vertrauen, Frau Weissberg! Ich werde mit Ihren Krähenfüßen schon fertig.«

Ein schwaches Lächeln huscht über sein Gesicht.

»Und ich habe Durst.«

Schon ist das Lächeln wieder verschwunden.

»Vielleicht ist mir auch ein wenig übel. Ja!«

Kotzübel, um genau zu sein.

»Oh, das tut mir leid, Herr Doktor!«

Luise nickt ihm verständnisvoll zu.

»Die Praxis war in der letzten Zeit mit kurzen Unterbrechungen geöffnet, Frau Weissberg. Fortbildungen, Kongresse, Sie verstehen? Vielleicht hatten Sie einfach nur Pech mit der Wahl der Zeitpunkte für Ihre Anrufe.«

Ein weiteres schwaches Lächeln.

»Aber jetzt sind Sie ja hier! Sie sind hier und ich bin auch hier. Wir können also Ihren hässlichen Krähenfüßen Abhilfe schaffen. Die lassen Sie älter aussehen!«

Luise Weissbergs Neugier scheint noch immer nicht befriedigt zu sein.

»Sie sehen müde aus, Herr Doktor!«

Anstatt einer Antwort erhält sie ein weiteres Lächeln, das das Gesicht des Mannes in eine Grimasse verwandelt.

»Wenn Sie möchten, könnte ich auch ein anderes Mal wiederkommen. So schlimm sind sie ja noch nicht, meine Krähenfüße ...«

Luise Weissberg zieht die Augenbrauen hoch und drückt ihre Tasche fester an sich.

»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht aufschieben! Die werden nicht mehr besser! Da wollen wir doch keine Zeit verlieren.«

Dr. Demells bemerkt, wie seiner Patientin ein trockenes Schlucken entwischt. Doch er muss zusehen, dass er rasch das Geld verdient. Und vor allem muss er dafür sorgen, dass sie anschließend rasch wieder aus seiner Praxis verschwindet. Er weiß nicht, wie lange er sich noch beherrschen können wird, denn neben der Übelkeit brodelt etwas Undefinierbares in ihm. Er hat das Gefühl, explodieren zu müssen. Doch sie sitzt, ihn mit großen Augen anstarrend, vor ihm und zuckt nur unschlüssig mit den Schultern.

»Wollen wir der kleinen Problemzone um Ihre Augen also endlich Abhilfe schaffen?«

Während er das sagt, zieht er nun endgültig eine Schachtel aus dem Schrank und beginnt, eine Spritze auszupacken.

»Sie kennen ja das Prozedere. Es tut gar nicht weh!«Als er das sagt, versucht er, sie anzuzwinkern, doch er bringt nur eine weitere Grimasse zustande, die augenblicklich einfriert. Plötzlich verliert er die Fassung. Seine Kräfte verlassen ihn schlagartig. Er lässt sich in seinen Ledersessel sinken. Mit den Handrücken beider Hände fährt er abwechselnd über seine Wangen und versucht damit, die Tränen wegzuwischen, die lautlos über sein Gesicht nach unten rollen. Mit einer Hand umschließt er die Schachtel, mit der anderen die Spritze.

Luise springt aus ihrem Stuhl auf und läuft um den Schreibtisch zu Dr. Demells.

»Oje!«, sagt sie nur. »Oje, oje!«

Sie streicht mit ihrer Hand über seine Hände, nimmt ihm langsam die Schachtel sowie die Spritze ab und legt sie nacheinander auf den Schreibtisch. Der noch immer bewegungslos dasitzende Doktor schluchzt hemmungslos. Tränen und Rotz laufen über sein Gesicht. Luise schiebt eine Packung Taschentücher, die auf seinem Schreibtisch liegt, in seine Greifweite. Dann setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches.

»Es ist alles gut, Herr Dr. Demells. Ich warte einfach, bis Sie so weit sind. Ich habe Zeit, lassen Sie sich auch Zeit. Es ist alles gut.«

»Sie müssen entschuldigen.«

Nach einigen Minuten erst bringt Dr. Demells diese Worte hervor.

»Ich weiß selbst nicht, wie das passieren konnte!«

Jetzt kann er nur noch Schadensbegrenzung versuchen.

»Ich wäre dankbar, wenn Sie mich alleine ließen! Ich will nicht unhöflich sein, aber Sie sehen ja ...«

Die Katastrophe ist perfekt, doch Luise Weissberg bleibt sitzen. Er greift an den Taschentüchern vorbei nach der obersten Lade seines Schreibtisches und zieht einen Flachmann heraus. Sein Gesicht hat er schon verloren, also kommt es darauf nicht mehr an.

In so einem kleinen Fläschchen findet nicht viel Wodka Platz. Doch er sorgt immer dafür, dass der Flachmann für Notfälle vollgefüllt ist.

Er hebt, ihr zuprostend, den Flachmann an und lässt den flüssigen Trost durch seine Kehle rinnen.

»Besser. Das ist gleich viel besser.«

Er zieht die Mundwinkel mit geöffnetem Mund nach hinten und schiebt die Lippen wieder zusammen.

»Tja, liebe Frau Weissberg, jetzt wissen Sie Bescheid. Sie werden schlecht über mich denken! Mit Recht.«

»Nun, wir sind alle Menschen!«

»Darf ich Sie bitten, das Erlebte auf keinen Fall weiterzuerzählen? Ich weiß, dass Sie, Frau Weissberg, in der Tiefe Ihres Herzens eine liebe, wohlwollende Frau sind. Vielleicht kann ich noch ein bisschen Schadensbegrenzung machen? Wenn ich Ihnen nichts für die Botox-Injektion verrechne ...?«

»Herr Doktor, ich werde nicht ...«

»Frau Weissberg, das ist mir furchtbar unangenehm.« Er bricht bettelnd aus sich heraus und unterbricht Luise. »Bitte denken Sie nicht schlecht von mir.«

Mit weinerlicher Stimme fleht er seine Patientin an. Wieder rinnen Tränen über sein Gesicht, während er mit flehenden Blicken ihre Reaktion beobachtet.

»Ich sehe, dass Sie in einem Ausnahmezustand sein müssen, Herr Dr. Demells. Wir kennen einander schon seit vielen Jahren. So habe ich Sie noch nie erlebt! Es muss Ihnen etwas Schreckliches widerfahren sein! Was ist denn passiert?« Sie schüttelt den Kopf und sieht freundlich drein. Mitfühlend. »Als ich diesen Termin vereinbart habe, geschah das nicht nur wegen meiner Krähenfüße. So arg schauen die noch nicht aus, wie ich finde.«

Luise unterbricht sich selbst mit einem fragenden Unterton im Satz. Dr. Demells bemerkt durchaus, dass seine Patientin insgeheim nach Komplimenten fischt. Doch er hat keine Lust und vor allem keine Kraft, auf dieses Spiel einzusteigen. Als er nicht antwortet, fährt sie unbeirrt fort.

»Die dienen nur als Vorwand, zu Ihnen in die Praxis zu kommen. Mir sind Gerüchte zugetragen worden. Gerüchte, die sagen, es ginge Ihnen nicht gut, Herr Dr. Demells.«

Wieder macht sie eine kurze Pause. Doch wieder erhält sie keine Antwort.

»Um ehrlich zu sein: Es heißt, es gehe Ihnen schlecht. Es gibt Vermutungen, warum dem so ist. Von Drogen ist die Rede. Und davon, dass Sie in große Schwierigkeiten geraten sind.«

»Was Sie ja nun hiermit bestätigt sehen, Frau Weissberg. Ist Ihre Neugier jetzt endlich befriedigt?«

Seine Stimmung hat gewechselt. Das weinerliche Häufchen Elend beginnt gerade damit, aggressiv zu werden. Doch Luise Weissbergs Stimme bleibt wohlwollend, beinahe liebevoll.

»Wollen Sie mir nicht erzählen, was passiert ist? Oft tut es gut, wenn man über seine Sorgen sprechen kann.«

»Nun gut, Ihre Neugier scheint noch nicht befriedigt! Sie benötigen noch mehr Sensationen? Bitte, Sie sollen sie haben!«

Dr. Demells reckt das Kinn vor und starrt seiner Patientin mit glühenden Augen ins Gesicht.

»Es stimmt, Frau Weissberg, es ist etwas passiert. Vor gut einem halben Jahr ist etwas ganz Furchtbares passiert. Eine Sache, über die ich aber nicht sprechen kann. Ich kann es einfach nicht!«

Seine Stimme wird nun wieder leiser, traurig.

»Tatsache ist, ich befinde mich am Rande meines Ruins. Diese schreckliche Sache hat mich mein Vermögen gekostet. Ich bin verzweifelt. Meine Gesundheit leidet schon massiv unter dieser Verzweiflung. Ich weiß einfach nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich verliere alles.«

Er schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern.

»Diese Information muss Ihnen genügen, Frau Weissberg. Mehr kann ich nicht dazu sagen.«

Doch seine Patientin gibt noch immer nicht auf, sie spricht mit liebevoll klingender Stimme weiter.

»Ist Ihnen vielleicht ein Kunstfehler passiert? Oder gab es ein privates Unglück?«

Sie schaut ihm ernst in die Augen. In ihrem Blick erkennt er, dass sie nicht mit der Fragerei aufhören wird.

»Ich meine, Sie arbeiten sehr viel. Es wäre verständlich, wenn zum Beispiel aus Gründen von Müdigkeit oder dergleichen etw ...«

Dr. Demells unterbricht sie mit einer ruckartigen Bewegung. Es geht alles sehr schnell. Er springt auf, beugt sich nach vorne und stützt sich mit beiden Armen auf den Schreibtisch. Seinen Kopf streckt er mit langem Nacken in ihre Richtung. Bedrohlich. Sein Gesicht ist tiefrot.

»Kunstfehler?!«

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