Hurt Ein Adolf Bichlmaier KrimiKriminalroman von Raimund A. Mader

Ab dem 15.10.2026 erhältlich!
Cover
Kaufen

Mit Klick auf "Abspielen" willigen Sie ein, dass Inhalte von YouTube geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an YouTube/Google übermittelt werden.
Weitere Informationen findest du auf der Seite zum Datenschutz.

Video

Wenn ein alter Bulle im Unruhestand auf die digitale Hölle trifft.

Als im beschaulichen Weiden die verkohlte Leiche eines Mädchens gefunden wird, kollidieren zwei Welten: Der alternde Ex-Kommissar Bichlmaier, der im Ruhestand nach Gerechtigkeit sucht, und ein Jugendlicher, der online Zeuge eines unfassbaren Verbrechens wurde.

Während die Mordkommission ermittelt, zieht ein unsichtbares Netz aus digitaler Perversion Kreise bis in die Oberpfälzer Provinz.

Ein vielschichtiger Kriminalroman über alte Schuld und moderne Abgründe.

Chaptune Logo - Die Musik zum Buch

Ein exklusives chaptune Musikalbum begleitet dich durch jede Seite.

Jetzt reinhören

Neugierig, wie es weitergeht?

Dann hole dir das Buch beim (Online-) Buchhändler deines Vertrauens!

Shop
0 % gelesen
Schriftgröße: 100 %

Shop

Dieses Werk erscheint am 15.10.2026.

Cover

Adolf Bichlmaier, Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, liebte den Frühling, das allmähliche Erwachen der Natur. Auch das Gelb der Forsythien, die die schmalen Grünstreifen neben der grauen Straße umrahmten, liebte er und ebenso den Anblick der Büsche, die anscheinend über Nacht zu treiben begonnen hatten. Vor allem aber liebte er die Wärme der Aprilsonne auf seinem Gesicht. Er blickte nach oben, blinzelte leicht.

Jemand hatte ihn hier herbestellt. Genauer gesagt, zu einer der beiden Kirchen im Zentrum der Stadt. Sein ehemaliger Chef, der mittlerweile ebenfalls kurz vor der Pensionierung stand, hatte ihn vor einigen Tagen angerufen, um ihm dies mitzuteilen. Leider habe er den Namen des Anrufers nicht verstanden und auch versäumt, entsprechend nachzufragen. »Das kann schon mal vorkommen. Manchmal liegt es einfach nur an der schlechten Verbindung.«

Bichlmaier hatte sofort bemerkt, dass die Nachlässigkeit seinem früheren Vorgesetzten peinlich war und sie hatten den Augenblick zu überbrücken versucht, indem sie sich über die stetig voranschreitende Schwerhörigkeit des Chefs unterhielten. »Man verliert ein bisschen den Kontakt zu den Menschen.«

Bichlmaier hatte ins Telefon genickt, aber nichts gesagt.

Auf jeden Fall habe der Anrufer eine Kirche in Weiden als Treffpunkt vorgeschlagen, er erinnere aber nur so viel, dass es sich dabei wohl um eine der beiden Kirchen in der Weidener Innenstadt handeln müsse: St. Josef oder St. Michael. Auch bezüglich der Zeitangabe sei er sich nicht ganz sicher. 

»Manchmal ist es wie verhext.«

»Man wird sehen«, hatte Bichlmaier beschwichtigt, der aus einem unerklärlichen Grund heraus vermutete, dass ihn der Unbekannte zur Mittagszeit treffen wollte.

An diesem Morgen fuhr er mit dem Auto von Regensburg nach Weiden. Über das Ansinnen des Anrufers dachte er dabei mit keiner Silbe nach. Auch die Frage, warum der Unbekannte ihn nicht direkt kontaktiert hatte, stellte er sich nicht. In Weiden angekommen, parkte er schließlich in der Allee – ganz so, wie es seiner alten Gewohnheit entsprach.

Es war noch nicht Mittag und die Gefahr, nicht rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen, war gering, sodass er beschloss, sich noch ein wenig in die Sonne zu setzen.

Er erinnerte sich an den Tag vor sechs langen Jahren, als er hier in der Allee schon einmal auf derselben Parkbank Platz genommen hatte, um sich innerlich auf das vorzubereiten, was ihm wenig später vor die Augen treten würde. Ein junges Mädchen und ihr Vater, ein bekannter Weidener Politiker, waren ermordet worden und er war zum Einsatz gerufen worden.

Damals hatte es geregnet. Ganz leicht und er hatte gedacht, das stete Nieseln und die kalten Stöße des Böhmischen würden nie enden und so hatte er sich bald wieder erhoben und sich widerstrebend an den Tatort in einem gegenüberliegenden, etwas heruntergekommenen Kino, begeben. Die Spezialisten, die vor Ort bereits die Arbeit aufgenommen hatten, Männer und Frauen, deren Beruf es war, sich an abstoßenden und blutbesudelten Tatorten aufzuhalten, warnten ihn, sagten, dass der Anblick der Mordopfer nur schwer zu ertragen sei und in der Tat hatten ihn das tote Mädchen, das an den Holmen eines mächtigen Bücherregals festgebunden auf ihn wartete, ihr gebrochener Blick und die Obszönität ihrer Nacktheit im Innersten getroffen. Ihr Vater hatte zu ihren Füßen gelegen, das Grauen eingefroren in seinem Blick. Bichlmaier erinnerte sich, dass er sich im Treppenhaus übergeben hatte und dass er sich seiner Schwäche wegen vor den Kollegen geschämt hatte.

Der Fall war längst abgeschlossen und die Täter waren zur Rechenschaft gezogen worden, aber es war kein Abschluss gewesen, der ihn gänzlich zufriedengestellt hatte. Zu sehr war er sich bei den Ermittlungen der eigenen Betroffenheit und seiner persönlichen Verletzlichkeit bewusst geworden. Damals hatte er seine Schwäche als Polizist und als Mensch erkennen müssen. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass sich in seinem Körper zu jener Zeit – aber vermutlich schon lange zuvor −  ein Feind eingenistet hatte, der ihn zu besiegen drohte, ihn hatte schwach werden lassen: Der Krebs. Eine dunkle Zeit in seinem Leben. 

»Wir müssen sofort operieren, nur dann haben Sie eine Chance«, hatte der Arzt damals gesagt, aber er, als zuständiger Beamter für Kapitalverbrechen bei der Mordkommission Regensburg, hatte darauf bestanden, erst den Fall abzuschließen, ehe er ins Krankenhaus ging. Drei Tage hatte er sich erbeten, was der andere mit einem Kopfschütteln quittiert hatte.

Bichlmaier lächelte in sich hinein. Sechs Jahre war das nun her, und seine Chancen standen nicht schlecht. Die Operation war gut verlaufen. Es ging ihm gut. Trotzdem, man konnte ja nie sicher sein.

Sein Blick ging hinüber zu dem schäbigen Gebäude, in dem die Ermordeten aufgefunden worden waren. Die Mittagssonne tauchte alles in ein warmes, diffuses Licht mit tanzenden, flirrenden Lichtpunkten, die sich in den kahlen Fenstern brachen. Damals hatte dort drüben noch Leben geherrscht, bis der Tod auf schreckliche Weise Einzug gehalten hatte. Und nun? Nurmehr eine Fassade mit verblichener Reklametafel und blinden Fenstern war geblieben, an der die Menschen achtlos vorübergingen. Niemand, der noch einen Gedanken darauf verschwendete, was damals dort geschehen war.

In diesem Augenblick beschlich Bichlmaier zum ersten Mal ein regelrechter Schrecken: Stand der ominöse Anruf etwa in Verbindung mit jenen längst vergangenen Ereignissen, die damals die kleine Stadt in Atem gehalten und zutiefst beunruhigt hatten? Er wunderte sich, warum ihm dieser Gedanke bislang noch nicht gekommen war, tröstete sich aber mit der Vorstellung, dass ein Zusammenhang eher unwahrscheinlich war. Warum sollte ihn jemand nach der langen Zeit deswegen sprechen wollen? Es ergab keinen Sinn.

Weniger als hundert Meter von der Parkbank entfernt ragten die Türme von St. Josef in den blauen Himmel. Bichlmaier erinnerte sich, dass er schon damals den Drang verspürt hatte, die Kirche aufzusuchen, doch hatten es die Umstände nicht erlaubt. Zu sehr hatten ihn die Ereignisse in Beschlag genommen.

Als er jetzt die Turmuhr mit seiner Uhr verglich, sah er, dass es doch viel später war, als er geglaubt hatte und er sich beeilen musste, um rechtzeitig am Treffpunkt anzukommen. Offensichtlich war er zu stark in seinen Erinnerungen gefangen gewesen und hatte dabei die Zeit aus den Augen verloren. Zumindest war er sich nun so gut wie sicher, dass er den Fremden an der Josefskirche treffen würde. Es konnte gar nicht anders sein. Was aber, wenn nicht St. Josef, sondern St. Michael wider Erwarten der richtige Ort war? Es war nicht auszudenken und er spürte eine plötzliche Atemlosigkeit. In diesem Fall würde er den Mann verpassen und sein Anliegen wäre verloren. Er erhob sich und bald schon beschleunigte er seine Schritte, was seine Unsicherheit umso größer werden ließ.

Als er schließlich am Eingangsportal zu St. Josef ankam, hörte er das wuchtige Schlagen einer Kirchturmuhr, die zur Mittagsstunde läutete. Einen Augenblick lang war er sich nicht sicher, ob das Geläut von St. Josef kam oder ob es nicht eher ein Windhauch war, der das Läuten von St. Michael herübertrug.

Der Platz vor der Kirche war völlig leer. Anders als auf dem Weg hierher war kein Mensch zu sehen, was ihm bei dem sonnigen Wetter ganz unverständlich war. Niemand, der auf ihn wartete. Er war doch pünktlich gekommen. Sollte er sich trotz allem getäuscht haben? Gerade eben hatte es doch zwölf geschlagen. Vielleicht lag das Problem einfach daran, dass der Chef die Zeitangabe missverstanden hatte. Wie es auch sein mochte, es blieb ihm nichts anderes übrig, als in die Kirche hineinzusehen, zu prüfen, ob sich der Fremde vielleicht ins Innere hineinbegeben hatte. Als er jedoch an der Tür zum Haupteingang rüttelte, zeigte es sich, dass die Kirche verschlossen war. Dasselbe galt für die Nebeneingänge.

Also doch, dachte Bichlmaier, der nun nicht mehr verstand, warum er sich gedanklich auf St. Josef festgelegt hatte. Was für ein Narr er doch war. Er zögerte, war sich nicht schlüssig, was er jetzt tun sollte. St. Michael war nur einige wenige Minuten entfernt, sodass es durchaus möglich schien, dass er den Anrufer dort noch antreffen würde. Aber genauso gut könnte es sein, dass dieser auf seine Verspätung bereits reagiert und den Treffpunkt wieder verlassen hatte. Bichlmaier sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei und er konnte zurück zum Auto gehen und nach Regensburg fahren. Das würde bedeuten, dass er sich um das Anliegen des Fremden nicht kümmern wollte. Falls er sich jedoch auf den Weg nach St. Michael machte und er den Unbekannten  −  fast schon wider Erwarten – doch antraf, dann wäre er Teil von dessen Angelegenheit.

Hätten in diesem Moment die Glocken der beiden Kirchen nicht mit einem einzigen Schlag zur Viertelstunde geläutet, hätte er sich wohl auf den Weg zurück zum Auto gemacht. So aber erkannte er darin ein mahnendes Zeichen, doch noch den Versuch zu unternehmen, den Mann zu treffen.

Als er St. Michael wenig später erreichte, sah er, dass sich eine große Menschenmenge in einem griechischen Lokal breitgemacht hatte, das in nächster Nähe zur Kirche seine Tische und Stühle für die Außenbewirtung aufgebaut hatte. Vor der Kirche selbst war jedoch niemand zu sehen. Bichlmaier verharrte eine Weile unschlüssig vor dem Haupteingang. Dann machte er einen weiteren Rundgang um die Kirche, ohne jedoch jemanden anzutreffen. Wieder zurück, drückte er die Klinke des Hauptportals. Zum Glück waren hier die Türen ins Innere der Kirche geöffnet und er trat ein. Sofort umfingen ihn große Dunkelheit und feierliche Stille. Er setzte sich in eine der Bänke, um zur Ruhe zu kommen, und streckte die Beine von sich. Erst nach einer Weile lichtete sich sein Blick und er erkannte, dass die Kirche gänzlich leer war. Auch hier war niemand, der auf ihn wartete. Hatte er sich denn völlig umsonst auf den Weg gemacht?

Er war müde und enttäuscht und er blieb eine Weile sitzen, ließ die Stille auf sich wirken. In der Ferne nahm er die flackernden Kerzen um den Altar wahr, die alsbald zu einem hellen Lichterkranz verschmolzen.

Irgendwann – er wusste nicht, wie lange er vor sich hingedöst hatte  −  drehte er sich zufällig um. Dabei fiel sein Blick auf eine unscheinbare Tür, die in der Holzvertäfelung der rückwärtigen Wand eingepasst war und offenstand. Als er hereingekommen war, hatte er diese Tür nicht bemerkt. Gut möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht offen gestanden war. Wer aber sollte sie geöffnet haben? Über der Tür war ein Schild angebracht, auf dem, im Halbdunkel nur schwer lesbar, stand:

›Zum Turm – nur für Berechtigte‹

Einen Moment lang ging es ihm durch den Kopf, dass ihn der unbekannte Anrufer vielleicht in der Bank sitzend angetroffen hatte und ihm, um ihn nicht zu stören, nach oben auf den Turm vorausgegangen war. Ein eher unwahrscheinlicher Gedanke, aber in dem Moment schien ihm dies nicht gänzlich unmöglich zu sein.

Er erhob sich hastig, näherte sich der Tür und spähte in das Innere, aus dem ihm ein schmaler Lichtstreifen entgegenkam und er im Zwielicht eine hölzerne Treppe erkannte, die steil nach oben führte. Da er niemanden wahrnahm, der ihm den Weg verwehrte, tauchte er in die Schwärze des Treppenhauses ein und begann den Aufstieg auf der nach oben gewendelten Treppe. Die Enge des Raums war beklemmend und die Stufen schienen kein Ende zu nehmen, bis er schließlich vor einer geöffneten Luke stand, die ins Freie hinausführte. Er musste sich ganz tief bücken, um durch die enge und tiefe Öffnung auf eine schmale Balustrade zu gelangen, die durch ein metallenes Geländer gesichert war. Als er schließlich ins Freie gekrochen war, atmete er auf und er merkte, wie sich seine Lungen mit Sauerstoff füllten. Es war ein Gefühl von Freiheit, das allerdings mit einem Schwindel einherging, der ihn fast lähmte. Vorsichtig tastete er sich nach vorn zum Geländer, hielt sich krampfhaft daran fest und als er sich aufrichtete, spürte er mit einem Mal, wie sich der Wind in ihm verfing und ihn in die Tiefe hinabziehen wollte. Die panische Angst, die ihn in diesem Moment erfasste, war unbeschreiblich und erst nach geraumer Zeit hatte er sich einigermaßen davon befreit, sodass er sich erheben konnte. Er blickte um sich. Von dem Fremden war nichts zu sehen. Er war gänzlich allein. Nur ein paar Tauben gurrten im Wind.

Die Aussicht, die sich ihm bot, als er endlich in der Lage war, nach unten zu blicken, war allerdings atemberaubend. Da lag die Stadt, im Sonnenlicht trügerisch glänzend, und er sah die Menschen, die sich hin-  und herbewegten. Über allem eine bedrohlich lastende Stille, die nur durch das stete Rauschen des Windes übertönt wurde.

Gerade als er sich abwenden wollte, um zurück in das Treppenhaus zu kriechen, fiel sein Blick auf eine Gruppe – eine Frau und drei Männer −, die an einem Tisch des griechischen Lokals Platz genommen hatten und seltsam isoliert in der Menge der übrigen Gäste wirkten. Zumindest hatte er den Eindruck. In dem Moment blickte die Frau nach oben und Bichlmaier war es, als würden sich ihre beiden Augenpaare treffen. Er zuckte zurück und konnte doch den Blick von der Frau nicht wenden, die ihn trotz der großen Entfernung, die zwischen ihnen lag, in ungewöhnlicher Weise faszinierte. Es war ein Blick voll eisiger Kälte und Boshaftigkeit, der von ihr auszugehen schien, ein Blick, der einzig und allein ihm galt. 

Das alles dauerte nur Bruchteile von Sekunden. Die Frau wandte ihren Blick wieder ab. Genau in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames: Unten saßen die Menschen und freuten sich ihres Lebens – darunter auch die Frau und die drei Männer. An ihnen allen huschte plötzlich der Schatten eines Mannes vorbei, der sich in unangemessener Eile bewegte. So zumindest wirkte es auf ihn.

Bichlmaier löste spontan eine Hand vom Geländer und hob sie in einer hilflosen Geste, was ihn fast aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Dabei verlor er den Schatten für einen kurzen Moment aus den Augen und so sehr er sich danach auch bemühte, konnte er seiner nicht mehr habhaft werden.  Schließlich war er sich nicht mehr sicher, ob da überhaupt etwas gewesen war.

Entdecke mehr: