Seit der Einführung der ersten E-Reader und dem Aufkommen des digitalen Lesens wurde immer wieder der „Tod des gedruckten Buches“ prophezeit. Doch obwohl E-Books heute fester Bestandteil des Marktes sind, machen sie in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern weiterhin nur einen vergleichsweise kleinen Umsatzanteil aus – oft zwischen 5 und 10 Prozent des gesamten Publikumsmarktes.
Warum hat die digitale Revolution das gedruckte Buch nicht verdrängt, wie es in der Musik- oder Filmindustrie der Fall war? Die Gründe sind vielschichtig und reichen von kulturellen Vorlieben bis hin zu ökonomischen Rahmenbedingungen.
Der vielleicht wichtigste Grund liegt in der sinnlichen Wahrnehmung des Buches. Viele Leser beschreiben es als das entscheidende Argument: Das Gewicht des Buches, das Umblättern der Seiten und sogar der Geruch eines neuen oder alten Buches sind sensorische Erfahrungen, die ein E-Reader nicht replizieren kann. Ein gedrucktes Buch braucht keinen Akku, keine Software-Updates und keine WLAN-Verbindung. Es ist sofort und überall einsatzbereit. Gedruckte Bücher sind Sammlerstücke. Sie dienen als Dekoration, bilden die Persönlichkeit des Besitzers ab und bieten ein Gefühl von Vollständigkeit im Bücherregal. Für viele Leser ist das physische Buch damit ein kulturelles Gut und ein Erlebnis, das über den reinen Inhalt hinausgeht.
Obwohl E-Books in der Produktion keine Druckkosten verursachen, sind sie oft nicht signifikant günstiger als ihre gedruckten Pendants, was in der Wahrnehmung vieler Konsumenten eine Rolle spielt. In Deutschland unterliegen E-Books der Buchpreisbindung, was eine aggressive Preisgestaltung durch Händler verhindert. Ein entscheidender Faktor war lange Zeit die Ungleichbehandlung bei der Mehrwertsteuer. Während gedruckte Bücher in Deutschland nur dem ermäßigten Satz unterlagen, mussten E-Books mit dem vollen Satz besteuert werden. Obwohl dies inzwischen korrigiert wurde, hat die historische Preisdifferenzierung die Verbreitung digitaler Titel in der Vergangenheit gebremst. E-Book-Käufer erwerben oft nur ein Nutzungsrecht, das an einen bestimmten Anbieter oder ein bestimmtes DRM gebunden ist. Die Weitergabe, der Weiterverkauf oder das Vererben eines E-Books ist, im Gegensatz zum physischen Buch, oft stark eingeschränkt oder unmöglich.
Im internationalen Vergleich ist der deutsche Buchmarkt traditionell stark durch kleine und mittelständische Buchhandlungen geprägt. Deutschland stieg später und zögerlicher in den E-Book-Markt ein. Dies gab dem stationären Buchhandel mehr Zeit, sich zu positionieren und das gedruckte Buch als primäres Medium zu verteidigen. Das Leihen von E-Books über digitale Bibliotheken (Onleihe) ist sehr beliebt, was zwar die Verbreitung fördert, aber den Kaufumsatz nicht direkt steigert.
Die Entwicklung zeigt, dass das E-Book das gedruckte Buch nicht ersetzt, sondern ergänzt. Digitale Bücher punkten mit ihrer Handlichkeit auf Reisen, der Möglichkeit, riesige Bibliotheken mit sich zu führen, und der schnellen Verfügbarkeit neuer Titel – besonders in den Genres, die schnell konsumiert werden, wie Thriller und Romantik. Das gedruckte Buch bleibt jedoch für viele das Medium der Wahl, wenn es um das intensive, entschleunigte Leseerlebnis geht. Anstatt eines Siegers im Formatkrieg sehen wir heute eine stabile Koexistenz, in der beide Formen ihre spezifischen Stärken für unterschiedliche Lesesituationen ausspielen.